Keine Nerds mehr – Entwickler sind Handwerker mit Hang zum Künstlerdasein

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Interview mit Frank Köhler, Web-Entwicklung und Systemintegration bei rta.design

Habt ihr Fenster im Büro?
Ja, zwei große Fenster hat man uns gegönnt.

Gibt es Teamrituale?
Mindestens einmal am Tag gehen wir alle nach draußen, obwohl nicht alle Raucher sind. Wir fachsimpeln, wir schalten ab und tauschen uns aus. Auch Thomas kommt mit, obwohl er eigentlich fest an der Heizung installiert ist.:-)

Gibt es noch Entwickler-Klischeés?
Heute sind Entwickler keine Nerds mehr. Na gut, vielleicht ein wenig, da wir hochspezialisiert sind, und da ist man zwangsläufig ein bisschen nerdig. Manchmal verlieren wir uns im Programmieren, die Lösung nicht mehr vor Augen. Da noch was optimieren, das noch sichern, dieses noch testen, usw. Das passiert. Eines ist geblieben, denke ich: das Verlieren des Zeitgefühls aus Leidenschaft am Code. Wenn dich die Lösungssuche erfasst hat, kommst du in eine Art Programmierkoma und dein Zeitgefühl ist dahin.

Was ist deine Aufgabe bei rta.design?
Meine Aufgabe bei rta.design ist einerseits Backend- und Schnittstellen-Entwicklung. Andererseits betreue ich die bei uns eingesetzten Systeme wie Hybris, classmarkets, redaxo und sämtliche Dienste von Google und Apple, die für unsere Seiten relevant sind. Quasi immer, wenn irgendwo Schnittstellen eingesetzt und konfiguriert werden, komme ich ins Spiel. Mit Chris und Thomas zusammen sind wir die Jungs im Maschinenraum, der Harry ist unser Frontendentwickler. Ein kleines Team mit sehr vielfältigen Aufgaben und Projekten. Da wir technisch die Portale der Allgäuer Zeitung – wie all-in.de –  betreuen, ist alles, was bei uns schief läuft, sofort im Allgäu bekannt. Das macht die Arbeit so spannend.

Was macht deinen Job so besonders?
Das Besondere an Softwareentwicklung ist das Handwerkliche. Ich sehe uns eher als Handwerker mit einer großen Portion Kreativität und einem Hang zum Künstlerdasein. Warum? Weil du immer für die verschiedensten Anforderungen und Bausteine neue Lösungen bauen musst. Der Weg zu einer Lösung ist dabei immer kreativ. Als Softwareentwickler ist man per sé Erfinder. Wir erfinden Lösungen, die einen konkreten Nutzen haben.

Wo siehst du Trends in der IT? Was wird uns die nächsten Jahre beschäftigen?
Ich glaube, dass die App-Stores irgendwann nicht mehr existieren, da browser-basierte Plattformen immer mehr Vorteile, die für eine App sprechen, können. Wir haben uns vor einiger Zeit gegen den Ausbau der eigenen App-Entwicklung entschieden, und es scheint der richtige Weg zu sein. Außerdem ist Spracheingabe und Sprachsteuerung ein Thema, das für Nutzer immer interessanter wird und in naher Zukunft von Webseiten interpretiert werden muss. In fünf Jahren wird kein Nutzer mehr eine Maus oder eine Tastatur an irgendein Gerät anschließen, um seine Lieblingsmusik zu starten oder bei Amazon einzukaufen. Wir werden unsere Wünsche in den leeren Raum reinrufen.

Wie läuft ein Tag bei dir ab?
Jeder Tag ist anders. Morgens starte ich meist mit Prüf- und Kontrollaufgaben. Ich schaue, ob alles läuft. Schnittstellen, CMS-Systeme, Datenbanken, Updates ausführen. Dann sortiere ich die Aufgaben des Tages, die so reinkommen. Vor allem das CMS für all-in.de muss sauber laufen, Optimierungen umgesetzt werden. Dafür arbeiten wir üblicherweise mit einem einfachen Ticketsystem. Dann ist es etwa acht Uhr und die Kollegen trudeln alle ein und ich muss Zeit für spontane dringliche Aufgaben einplanen.

Wie organisiert ihr euch im Entwicklerteam?
Wir sind aktuell zu viert. Das macht die Abstimmung einfach. Wer sich welchem Ticket annimmt, wird per Zuruf ausgemacht. Als Ticketsystem verwenden wir ein sehr einfaches Tool namens hesk. Hier können wir die Aufgabe beschreiben, zuweisen, die Lösung dokumentieren und sicherstellen, dass Wissen nicht verloren geht. Das reicht uns völlig aus.

Musst du viel auf der grünen Wiese neu erfinden oder werden heute eher bestehende Features arrangiert?
Sowohl als auch. Für alle Content- und Commerce-Plattformen gibt es meist fertige Module, die vom Anbieter zur Verfügung gestellt werden. Z. B. News-Module oder Module fürs Datenmanagement. Immer ist aber ein Individualisierungsgrad erforderlich. Das liegt in der Natur der Sache, da jeder Kunde seine Wünsche in seiner Websitepräsenz umgesetzt haben möchte. Und hier entstehen bei uns Lösungen, die nutzerzentriert entwickelt werden und – wenn du so willst – auf der grünen Wiese entstehen. Wenn du nicht viel hast und experimentell vorgehen musst, dich Stück für Stück vorarbeitest und am Ende einen funktionierenden Prototypen ausspielst: Das ist kreative Programmierung, wie sie mir besonders viel Freude macht.

Beispiel?
Zum Beispiel die Morgenpost. Ein Tool, mit dem alle, die im Allgäu Zimmer vermieten, für ihre Gäste eine tägliche Morgenpost/ Gästezeitung erstellen und ausdrucken können. Wetter und tägliche News laufen automatisch ein, individuelle Informationen können ergänzt werden. Das Toolhandling war so in die Jahre gekommen, dass wir es komplett neu aufsetzen mussten. Jetzt kann man im konkreten Layout die Zeitung einfach und schnell erstellen. Bilder und Texte inline setzen. Mit wenigen Handgriffen ist die Morgenpost fertig und kann dem Urlauber mit warmen Brötchen und Kaffee serviert werden.

Wie seid ihr in digitale Kundenprojekte involviert?
Wir sind immer von Anfang an dabei, um unsere interne Technikberatung wahrzunehmen. Das sind Themen wie Technologien, Module aber auch die technische Umsetzung von kreativen Ideen. Nichts ist blöder, als ein Projekt vorzustellen, was aus technischer Sicht gar nicht lösbar ist.

Glaubst du, dass es wichtig ist, Entwickler in Projekte von Beginn an zu involvieren?
Ja, auf jeden Fall. Jedes zukunftsfähige Projekt hat heute einen so hohen Digitalisierungsgrad und eine Unternehmensdurchdringung – auch wenn am Ende ein Printprodukt steht – dass es zwingend nötig ist, Entwickler von Beginn an für die Machbarkeit eines Projektes zu involvieren.

Wieviel Beratung und wieviel Entwicklung, also Umsetzung, muss ein Entwickler heute drauf haben?
Die beratende Tätigkeit des Entwicklers ist auf jeden Fall gegeben und hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Nur er kann Aussagen zu technischen Lösungen treffen, die heute viel komplexer sind als früher. Dennoch ist der größte Batzen der täglichen Arbeit das Programmieren, das Testen, das Entwickeln. Dafür benötigt man wesentlich mehr Zeit.

Wie wichtig ist es, digitale Lösungen zu testen?
Ohne geht es nicht. Wir gehen immer vom DAU aus.  Der sogenannte dümmste anzunehmende User muss das Feature bedienen können. So testen wir. Das gilt genauso fürs Webdesign. Hier ist das Smartphone der DAU. Wenn ein Webdesign auf dem Smartphone funktioniert und gut aussieht, haben wir schon viel richtig gemacht.

Wie lange bist du schon bei rta.design?
Seit 2017. Vorher war ich in der Schweiz als Abteilungsleiter bei einem IT-Unternehmen für die USA, Kanada und DACH tätig. rta.design hat mich dann nach Kempten geholt. Die Agentur kannte ich vorher nicht.

Was hast du gelernt?
Ich habe zwei Abschlüsse: Fachinformatiker für Anwendungsentwicklungen und Fachinformatiker für Systemintegration. Übrigens suchen wir gerade einen Auszubildenden für den Fachinformatiker Anwendungsentwicklungen.

Was machst du in deiner Freizeit?
Programmieren. Einige Webseiten betreue ich in meiner Freizeit. Außerdem mache ich Bogenschießen und Schwertkampf, gehe auf Metal-Festivals und schaue gern Fußball.

Danke Frank.

 

Datenklau – Sind Sie betroffen?
1. Interview Holger Mock, Teamleitung Content bei all-in.de