Zuviel Technologie fördert Stillstand

Veröffentlicht am Kategorien Agentur

Ein Kommentar von Sebastian Kehr, Content-Konzeption bei rta.design

Maschinen, Daten, Technologien: Alles wird eingesetzt, um die Nutzer digital zu verstehen. Wir buhlen um die Aufmerksamkeit der Leser und zeigen ihnen, was sie sehen wollen. Oder glauben wir nur, dass sie genau das sehen wollen? Diese Frage müssen wir uns als Digital- und Werbeagentur täglich stellen, da wir das Allgäuer Reichweitenportal all-in.de betreiben und täglich Menschen informieren und unterhalten.

Inspiriert von der SPON-Kolumne von Christian Stöcker habe ich mich gefragt, was es bedeutet, Themen ausschließlich aufgrund von Nutzerverhalten auszuspielen. Eigentlich bedeutet es nichts anderes, als den Menschen – mit dem Wissen ihres vergangenen Verhaltens – Inhalte in der Gegenwart anzubieten. Dafür werden algorithmische Aufmerksamkeitsverteiler eingesetzt, die Content kanalisieren. Wir sehen, was wir sehen wollen, wir lesen, was wir lesen wollen. Entschieden von den Algorithmen, die wir einbauen, die Daten sammeln, kategorisieren und die lernen. Es ist innovativ und technisch hoch anspruchsvoll, keine Frage. Angetrieben von den globalen Social-Media-Plattformen, setzen Medienhäuser mächtige Werkzeuge ein, die diesen Trend verschärfen. Stöcker schreibt – und da gebe ich ihm Recht – dieser Blick nach hinten fördert Diskriminierung. Warum? Weil der einzelne Leser nur in seinem Kosmos unterwegs ist. Kontrollmechanismen wie Reaktionen anders denkender Leser fallen zunehmend weg. Der Diskurs, die Auseinandersetzung mit Meinungen, wird eingeschränkt, weil die Technologie Inhalte vorenthält, die nicht passend sind.

 

Diese Intelligenz, die wir mit Werkzeugen anstreben, fasst Verhalten zusammen und entscheidet für den Leser, was ihn mit größter Wahrscheinlichkeit interessieren würde. Wir fördern damit indirekt stereotypes Verhalten. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Menschen brauchen diese Muster, um sich in unserer komplexen Welt zurechtzufinden. Dafür sind Stereotype da. Sie geben Orientierung. Doch was heißt das für die Technologie? Lernende Systeme, wie Facebook & Co., sorgen dafür, dass Stereotype sich festsetzen und dauerhaft bestehen. „Die Grundannahme ist immer die gleiche: Was in der Vergangenheit funktioniert hat, wird auch in Zukunft funktionieren,“ schreibt Stöcker in seiner Kolumne. Würde eine Gesellschaft ausschließlich so handeln, gebe es nicht nur Stillstand, sondern irgendwann auch Rückschritt.

 

Doch wie gehen wir damit um? Was bedeutet diese Erkenntnis aus der Mediennutzung für die Medienproduktion? Zeigen wir Lesern nur das, was sie sehen wollen? Schreiben wir nur Beiträge, bei denen wir wissen, dass wir viele Leser erreichen werden? Entsteht Innovation und Relevanz nur auf Basis der Interessen von gestern? Die Technologie steht dafür bereit und ist im Einsatz.

 

Ich denke, dass es für eine wünschenswerte Entwicklung einer toleranten Medien- und Informationsgesellschaft gerade darauf ankommt, den Unterschied zu machen. Muster zu durchbrechen. Bei der Produktion von Inhalten auch mal entgegen der technischen Empfehlung zu arbeiten. Die Werte einer liberalen und offenen Gesellschaft (Freiheit, Gleichheit, Toleranz, …) aufrechthalten. Tun wir das nicht, befeuern wir Stereotype, fördern den Stillstand, der irgendwann zum Rückschritt wird. Überspitzt gesagt: Auf der Darstellungsebene wird dann der verhutzelte Allgäuer Bauer immer Vollbart und Seppl-Hut tragen, und das Schloss Neuschwanstein wird nur von asiatischen Hobby-Fotografen besucht. Content- und Online-Marketing-Team von all-in.de versuchen die Problematik bei der Themenwahl und -aufbereitung zu berücksichtigen. Diese Auseinandersetzung sollten Medienhäuser täglich austragen: Content-Manager vs. Marketer. Datenrelevanz vs. Innovation. Vergangenheit vs. Zukunft.

 

Quelle: Digitale Plattformen. Wer nur zurückschaut, schafft keine gute Zukunft, SPON-Kolumne, Christian Stöcker: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/digitale-plattformen-wer-nur-zurueckschaut-schafft-keine-gute-zukunft-a-1261554.html

 

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